Wölfe und Menschen

Auch heute noch hält sich in den Köpfen vieler Menschen das Bild vom „bösen“ Wolf. Am bekanntesten ist sicher das Märchen vom Rotkäppchen. Aber Menschen gehören nicht in das Beuteschema von Wölfen – ihnen gegenüber ist der Wolf eher skeptisch. Aus Vorsicht versucht er eher, uns Menschen aus dem Weg zu gehen und sich zu entfernen. Die Angst vor dem Wolf entbehrt jeder wissenschaftlichen Grundlage. Solange wir die Wölfe als Wildtiere betrachten und behandeln, die ohne Bezug zum Menschen leben, besteht kein Grund zur Sorge.

In Deutschland hat es seit der Rückkehr der Wölfe im Jahr 2000 nicht eine Situation gegeben, in der sich ein Wolf einem Menschen aggressiv genähert hat.

Wolf

Foto: Thomas Pusch

Wölfe betrachten Menschen nicht als Beute

Wölfe sind nicht gefährlicher als viele andere Wildtiere auch. Solange ein Wolf nicht provoziert, angefüttert wird oder krank ist, geht er Menschen aus dem Weg.

Wenn in einer Kulturlandschaft lebende Wölfe nicht bejagt werden, reagieren sie auf den Anblick von Menschen zwar vorsichtig, aber nicht extrem scheu. Bei einer Begegnung erfolgt oft keine panische Flucht, sondern der Wolf zieht sich meist gelassen und bedacht zurück. Die ausgeprägte Vorsicht und das Misstrauen gegenüber potenziellen Feinden und Gefahren ist eine bewährte Überlebensstrategie des Wolfes. Zu direkten Begegnungen zwischen Mensch und Wolf kommt es daher selten. Meist bemerken Wölfe den Menschen frühzeitig und gehen ihm aus dem Weg.

Wolfsbegegnungen

Als größter Beutegreifer in Deutschland stehen Wölfe an der Spitze der Nahrungspyramide eines Lebensraumes und sind von ihrer Nahrungsgrundlage abhängig. Wenige Individuen verteilen sich auf eine große Fläche. Im bewaldeten Mitteleuropa ist es daher eine Ausnahme, eines der nicht nur seltenen, sondern auch sehr vorsichtigen Tiere zu sehen.

Bei einer Reviergröße von 100 bis 450 km² liegt es nahe, dass auch Ortschaften, Straßen und Gehöfte mitten im Wolfsrevier liegen können. Bei ihrer Wanderung treffen die Wölfe ständig auf diese und sie wählen schlicht den kürzesten und oftmals auch den bequemsten Weg. Daher ist eine Wolfssichtung in der Nähe von Siedlungen an sich auch nichts Ungewöhnliches. Es ist auch nicht ungewöhnlich, dass die Tiere nah an Straßen und zudem tagsüber unterwegs sind – Autos und Traktoren nehmen Wölfe recht gelassen wahr. Fahrzeuge sind Teil ihrer Lebenswelt und solange Wölfe die Möglichkeit haben, in eine Richtung zu flüchten, empfinden sie keine Bedrohung.

Es kann vorkommen, dass Menschen das Interesse von Wölfen erregen. Aufmerksam beobachten sie, was vor sich geht. Dabei lernen sie die menschlichen Siedlungsumgebungen kennen und welches Verhalten ihre eigene Sicherheit am besten garantiert. Eine solche Situation stellt für Menschen keine Gefahr dar. Insbesondere Jungtiere sind häufig neugieriger und unbedarfter als erwachsene Wölfe.

Abwandernde Jungwölfe, die auch schon in NRW nachgewiesen wurden, sind unerfahren und nicht ortskundig. Wenn sie durch offene Kulturlandschaft laufen, fehlen ihnen sichere und ungestörte Rückzugsgebiete. Die Wahrscheinlichkeit, aufgescheucht und gesehen zu werden, ist dann deutlich größer.

In Rumänien und Russland, wo es deutlich mehr Wölfe als in Deutschland gibt und der Wolf nie ausgerottet war, gibt es häufig Berichte von Wölfen, die in Siedlungen gesehen werden, ohne dass es zu gefährlichen Situationen kommt.

Wie verhalte ich mich, wenn ich auf einen Wolf treffe?

Überaus selten bekommen Spaziergänger einen Wolf aus der Nähe zu Gesicht. Wenn es doch einmal dazu kommt:

  • nicht weglaufen, sondern stehen bleiben und beobachten
  • verhalten Sie sich ruhig, geben Sie dem Wolf die Möglichkeit sich zurückzuziehen und halten Sie, wie zu anderen Wildtieren auch, respektvoll Abstand
  • auf keinen Fall sollte man die Tiere anlocken, versuchen anzufassen oder verfolgen
  • wenn man den Abstand vergrößern möchte, sollte man sich langsam mit Blickrichtung zum Tier zurückziehen
  • man kann einen Wolf leicht vertreiben, indem man ihn laut anspricht, sich groß macht und notfalls mit einem Gegenstand nach ihm wirft
  • Wölfe niemals füttern!
  • Bitte melden Sie unbedingt jede Sichtung eines Wolfes (→ Wolfsberater). Wenn sich Ihnen die Gelegenheit bietet, fotografieren Sie das Tier und prägen Sie sich möglichst viele Details ein. Verwert- und überprüfbare Fotos von Wölfen dienen dem Monitoring der Art und sind wichtig für die Information der Bevölkerung. Ein aktives Nachstellen bzw. intensives Verfolgen – z. B. für ein Video oder Foto – muss aber unterbleiben.

Wenn Sie mit Ihrem Hund spazieren gehen:

In ausgeschriebenen Wolfsgebieten sollten Sie den Hund grundsätzlich an die Leine nehmen. Der Hund sollte sich stets nah beim Menschen aufhalten. Wölfe können Hunde als Eindringlinge in ihr Revier verstehen. Sie können ihn stellen und vertreiben wollen. Missversteht der Hund die Signale des Wolfes, wird er sein Revier verteidigen. Bleibt der Hund beim Menschen, erkennt der Wolf, dass es sich um keine Revierstreitigkeit handelt. Stellen Sie dabei sicher, dass Ihr Hund nicht von sich aus versucht, den Wolf anzugreifen.

Wolf am Riss:

Überraschen Sie einen Wolf an einem Beutetier, so ziehen Sie sich langsam wieder zurück und versuchen Sie nicht, zum Riss zu gehen oder diesen zu entfernen.

Wenn Sie einen kranken oder verletzten Wolf sehen:

Wenn Sie einen kranken oder verletzten Wolf sehen, sollten Sie das Tier in Ruhe lassen. Melden Sie die Sichtung bitte umgehend an einen Wolfsberater (Wolfsberater).

Wenn Sie einen Wolf angefahren haben:

Grundsätzlich ist, wie bei anderen Verkehrsunfällen auch, die Polizei zu verständigen. Diese benachrichtigt den zuständigen Veterinär. Nach der Beurteilung des Tierarztes darf nur die untere Landschaftsbehöre entscheiden, wie dem Tier am besten geholfen wird.

Können Kinder alleine in einen Wald gehen, in dem es Wölfe gibt?

Ja, auch in anderen europäischen Ländern, in denen es Wölfe seit vielen Jahren gibt, spielen Kinder im Wald. Häufig müssen Kinder auch auf dem Weg zur Schule Wälder durchqueren, ohne dass es hierbei Zwischenfälle gibt. Grundsätzlich ist es wichtig, schon den Kindern die Regeln für den Umgang mit Wildtieren beizubringen.

Grundregeln im Zusammenleben mit Wildtieren:

  1. respektvoll Abstand einhalten
  2. kein Nachlaufen hinter Tieren
  3. interagieren Sie nicht mit dem Tier, kein Ansprechen, kein Anlocken
  4. Jungtiere nie anfassen oder aufnehmen
  5. kein Aufsuchen von Bauten oder Wurfhöhlen
  6. Tiere nie füttern, auch nicht passiv
  7. Abfalldeponien in Nähe von Menschen und Häusern vermeiden (künstliche Futterstellen)
  8. kein Tierfutter von Haustieren draussen herumstehen lassen

Diese Regeln gelten ebenso für den Umgang mit anderen Tieren wie z. B. dem Wildschwein, das wehrhaft ist und fast überall in unseren Wäldern lebt.

Die Sicherheit des Menschen steht an oberster Stelle

Eine hundertprozentige Sicherheit gibt es in der Natur ebenso wenig wie beim Zusammenleben mit Haustieren. Deshalb ist das Monitoring so wichtig, um das Verhalten der Wölfe zu beobachten. Es ist Stand der Wissenschaft, dass ein Wolf von Geburt nicht auffällig oder gefährlich ist, sondern durch äußere Umstände auffällig werden kann. Dies sind: Krankheiten, Anfütterung und fehlender Herdenschutz. Dieser Prozess vollzieht sich nicht schlagartig. Daher ist abzuleiten, dass wir in den Fällen von Nutztierrissen Wölfe wieder erfolgreich zu ihrer natürlichen Beute umleiten können.

Sollten einzelne Wölfe ihre Distanz gegenüber Menschen dauerhaft aufgeben, sich aggressiv gegenüber Menschen verhalten oder sich auf Nutztiere beim Nahrungserwerb spezialisieren, können sie als auffällig bezeichnet werden. Das Bundesamt für Naturschutz hat Kriterien erarbeitet, wann ein Wolf als auffällig einzustufen ist und welche Maßnahmen ergriffen werden müssen (→ BfN Skript 201, 2007). In Frage kommen zum Beispiel Vergrämungsmaßnahmen wie das Verscheuchen mit Gummigeschossen. Die Entnahme eines Tieres erfolgt nur im absoluten Ausnahmefall, wenn diese Vergrämungsmaßnahmen keine Wirkung zeigen – dafür gibt es nach dem Bundesnaturschutzgesetz (BNatschG) Ausnahmeregelungen.

In Italien, das mit Deutschland von der Besiedlungsdichte vergleichbar ist, waren Wölfe nie ganz ausgestorben. Heute gibt es dort in etwa 800 Wölfe und hier hat es seit 1900 keine Fälle gegeben, bei denen Menschen durch Wölfe angegriffen oder verletzt wurden.

Die NINA-Studie (2002)

Zur realistischen Einschätzung des Gefährdungspotenzials, das von Wölfen gegenüber Menschen ausgeht, haben 18 führende Experten aus Ländern mit Wolfsvorkommen im Auftrag des Norwegischen Institutes für Naturforschung (NINA) im Jahr 2002 eine Studie erstellt. Die NINA-Studie (The fear of wolves: A review of wolf attacks on humans), in die sämtliche existierende Literatur und das Wissen über Wolfsangriffe aus Europa, Asien und Nordamerika aus den letzten Jahrhunderten eingeflossen ist, gilt als das umfassendste und fundierteste Werk zu diesem Themenkomplex. Demnach ist das Risiko in Europa oder Nordamerika von einem Wolf angegriffen zu werden, sehr gering.

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